Zyklus Welten

Veröffentlicht im Literarischen Monat,

Nr. 27, 2016

LYRIK

In die Jahre gekommen

Wir sind in die Welt gekommen

und haben nicht gewusst, wohin

der Staat war schon da, lange bevor

ungeduldig in seiner Neugier

 

Wir sind geblieben in der Strasse,

in der wir uns auskannten

blieben die Häuser grau und der Staat

war zerbrechlich, wie wir

in unserer Heimat loszogen

das Ernten zu lernen

 

Die Welt kam uns zu, nachdem

der Staat geheilt war von der Zeit,

Überzeugung darniederlag in den grauen Strassen,

uns so vertraut, dass die mitgebrachten Farben

nur komisch aussahen und künstlich

 

Lange wollten wir nicht warten, an den Haltestellen

hatten Störche ihre Nester gebaut,

uns der Höhe beraubt, die davonflog über

die Grenzen hinweg

 

Wir sind in die Welt gegangen

und haben nicht gewusst, wohin

der Staat war schon da, abermals da,

wo die Landkarte im Schubfach lag

war das Land ohne Namen, die Strassen mit Kreide

übermalt der graue Beton aus Zeit,

der Ewigkeit nicht standhält und Eisen

fliesst aus den Mauern, auf den Grünstreifen

der Hinterhöfe werden immer noch

Tauschgeschäfte gemacht

 

Die Freiheit ist in die Jahre gekommen,

wir sind noch nicht da und gehen

nicht weg aus der Zeit, die mit uns

läuft, immer auf der Spur

der Steine, welche uns fehlen im Memorandum

entdecken wir ab und zu die Kinder

von damals, spielend im Sand, weiss wie Asche,

die jetzt aufsteigt und davon fliegt mit dem

in die Jahre gekommenen Staat

 

Wir sind in die Welt gekommen, um zu bleiben.

Nadeshda Müller - CH - 6006 Luzern -  © 2017 NM.  -  aktualisiert 2020 -  Erstellt mit Wix.com