Textproben

PROSA

Kleine Schwester, wo

versteckst du dich?

Da, wo sie herkam, gab es keine. Da, wo sie herkam, gab es keine Familie. Sie kam her, wo niemand herkam. Wo es keine Familien mehr gab. Da kam sie her. Da, wo Mächtige in die kargen Häuser eindrangen. Die drangen in die Häuser ein. Auf der Suche nach Macht. Machtlos mussten sie Verstecke suchen. Verstecke vor den Eindringlingen. Es gab sonst nichts, ausser Verstecke. Sie kam her, wo Mann in die Häuser eindrang. Private Häuser, die jetzt leer standen, weil die Familien weg waren. Leere Verstecke in verlassenen Häusern.

Die pflückten ihre Brüste, assen alle Früchte von den Bäumen. Bis alles leer war, die Bäume, die Häuser, das Dorf, die Menschen. Die Menschen waren leer. Die Familien waren leer. Die Brunnen ausgetrunken. Die Schwester war im Brunnen ertrunken. Im Versteck ertrunken. Das Dorf war leer, als man sie fand. Da, wo sie herkam, gab es keine Schwester mehr. Gab es nur noch leere Häuser. Gab es keine Familien mehr. Die Mütter waren mit den Kindern ins Wasser gegangen.

 

Die Schwester war ein Apfelbaum.

Die Schwester war verwurzelt.

Die Schwester war wasserscheu.

Die Schwester war ertrunken.

 

Da, wo sie jetzt ist, gibt es welche. Da, wo sie jetzt ist, gibt es volle Häuser mit Familien und Früchten darin. Sie ist jetzt, wo es Familien gibt. Die Leere in ihrem Kopf ist geblieben. Das Versteck bleibt in ihrem Kopf. Zieht in die neuen Häuser ein, die nicht leer sind. Die Schwester bleibt in ihrem Versteck. Bleibt im Kopf. Für immer.

© 2015 NM.

[Großstadt] Jäger

© Graphik: Anja Müller, Leipzig 2017

(..)Die abgelösten Knochen schwammen den Rinnstein entlang, verfingen sich in dem Gitter eines Einlaufschachtes, verkeilten sich und blieben hängen. Der klatschende Regen spülte die letzten Fetzen Haut und Fleisch hinweg. Die Blutlache versickerte in die Kanalisation. In den Untergrund. In die fliessende und stinkende Hadesmaschine der Stadt. Unter den gusseisernen Deckeln der Boulevards bewegte sich der Abschaum zu den Zentren der Klärung. Die Leiche war zerstückelt worden.

 

Auf dem Trottoir bewegte sich das Leben. Immer weiter. In alle Richtungen. Die Bewohner bewegten die Kulisse mit sich, die sie massenhaft verführte, sie zur Arbeit führte und in den Untergrund. In den letzten Zügen versanken die Einzelnen zur Mehrheit. Überdimensionierte Schilder schilderten. What? Die nackten Mädchen drangen auf den Bildern nach vorn. In hauchdünnen Blickkontakten wurde gesendet und empfangen: Auf den Displays zur Welt, die da draussen war, irgendwo da draussen. Mehrheitlich. Und hier, in den Sitzen hockten sie mit sich selbst, es gab kein Entkommen. Die nackten Brüste schaukelten. Auf dem Plakat. Licence to kill freedom. Personal freedom, wenn die Bahn in eine Kurve fuhr und den Blick freigab. In die nächste selbe Strasse, in welcher der Kaufmann wartete. Auf auf den Kunden. Den König. Den Kaiser. Auf den Jäger.(…)

© 2016 NM.

Nadeshda Müller - CH - 6006 Luzern -  © 2017 NM.  -  aktualisiert 2020 -  Erstellt mit Wix.com